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Résumé und theologische Ergänzungen

Was bisher geschah:

Die letzten Tage würde ich als intensiv bezeichnen. Über 20.000 Menschen haben meinen letzten Post gelesen – eine Zahl die mich selbst überrascht hat. Seit Sonntag habe ich ca. 250 Facebook-Nachrichten, E-Mails und Kommentare gelesen, beantwortet und moderiert. Eine Zahl die ich deutlich unterschätzt habe. Bedanken möchte ich mich für den Tonfall hier in den Kommentaren, sowie auf Facebook – ob nun öffentlich oder in privaten Nachrichten. 95% aller Rückmeldungen waren freundlich und wenn jemand anderer Meinung war, absolut sachlich. Die Tatsache, dass mir viele für diese Sicht der Dinge gedankt haben, zeigt wie wichtig es war diesen Blogeintrag zu schreiben.

Mein Arbeitgeber, das Evangelische Jugendwerk in Württemberg (EJW) (zufällig auch drei Buchstaben, aber nicht die im letzten Blogeintrag angesprochene Organisation) hat super reagiert. Wobei ich dazu sagen muss: Mein Chef wusste es schon länger und war auch über die Veröffentlichung informiert. Auch hier mein Dank an alle Kollegen/innen und Freunde die mir seitdem nicht anders begegnen und mir ihre Unterstützung zugesichert haben. Nach einigen Gesprächen im Haus bin ich froh, dass das Thema für 2014 endlich auf der Tagesordnung stehen wird.

Theologische Anfragen:

Die häufigste Frage die mir gestellt wurde war die nach meiner theologischen Sicht der Dinge. Im letzten Eintrag hatte ich diese ja nur in einem Satz erwähnt – hauptsächlich weil ich den Blogeintrag nicht länger machen wollte, als er eh schon war. Auch dieser Eintrag wird nicht kurz. Und ich habe die Befürchtung, dieser Eintrag wird es auch niemand so wirklich Recht machen können. Ich will hier so simpel und so kurz wie möglich antworten. Der Schreibstil ist komplexer, es handelt sich schließlich um theologisches Arbeiten. Wie auch im letzten Artikel geschrieben, erwarte ich von niemandem, dass er meine Ansicht teilt. Ich wurde von vielen darum gebeten und deshalb äußere ich mich zu diesem Thema. Ich habe in meinen Unterlagen gekramt und mich dazu entschlossen, das Papier “Kann denn Liebe Sünde sein?” von Prof. Dr. Jörg Barthel (Professor für Altes Testament und Biblische Theologie) Rektor an der Theologischen Hochschule Reutlingen als Grundlage zu verwenden und auch daraus zu zitieren, anstatt vieler Dinge selbst umständlich neu zu schreiben. Dieser und andere Texte bilden die Grundlage meines heutigen theologischen Verständnis zu diesem Thema. Barthels Text hat 19 Seiten – meiner hier wird sich auf das Wesentliche beschränken. Ich empfehle aber allen Interessierten sich die Zeit zu nehmen und Barthels Text komplett zu lesen.

Grundlage:

Viele Bibelstellen wurden in den letzte Tagen an mich herangetragen. Oft mit dem Versuch mir klarzumachen, dass Homosexualität biblisch gesehen eine Sünde ist. Dieser Beitrag soll zeigen, dass die Realität nicht ganz so einfach ist. Bei der Debatte um die verschiedenen Bibelstellen geht es eben immer auch um das Verständnis wie wir diese Bibelstellen auslegen. Das einfache Verweisen auf Bibelstellen hilft nicht, da diese in unterschiedlichen Zusammenhängen stehen (siehe Barthel Seite 1 und 2). Konkret heißt das: Sätze aus dem Zusammenhang zu reißen hat noch nie wirklich geholfen. Meine theologische Ausbildung hat mich eines gelehrt: respektiere das Wort Gottes und gehe gerade deshalb mit den Texten mit denen du arbeitest historisch-kritisch um. Das kostet mehr Zeit, mehr Energie und macht die Sache komplizierter – wird aber Gott, der Bibel und den Menschen gerechter.

Spannend ist: die Bibel sagt relativ wenig zum Thema Homosexualität (im Vergleich zu anderen Themen) und erwähnt dabei die weibliche Homosexualität fast überhaupt nicht (was schon der erste Hinweis für einen sozialen und kulturellen Unterschied zu heute ist: die Frau kam damals kaum vor). Jesus selbst sagt nichts dazu. Die wichtigsten Stellen zu diesem Thema finden wir bei Mose sowie in den Paulusbriefen.

Schöpfungsgeschichte 

Oft gehört diese Woche: Zitate aus Genesis über die Erschaffung von Mann und Frau und den damit verbundenen Auftrag sich zu vermehren. Homosexuelle Menschen können dies ja gar nicht und damit wird eine Ablehnung konstruiert. Der Schöpfungsbericht entstand in der babylonischen Gefangenschaft und diente vor allem einem: der Abgrenzung des Volkes Israels vor den vielen Göttern der Babylonier. Es wurde also ein Bericht verfasst, der eines zum Ziel hatte: den Israeliten in der Gefangenschaft klarzumachen, dass ihr Gott die Grundlage von allem ist – der Schöpfer, der über den babylonischen Göttern steht (die haben z.B. Mond und Sterne als Götter verehrt). Die Grundaussage ist also: Gott ist der Schöpfer allen Lebens. Man kann die Schöpfungsgeschichte mit ihren sieben Tagen auch wörtlich nehmen – muss sich aber dann auch einigen naturwissenschaftlichen Fragen stellen.

Aus dieser Geschichte aber abzuleiten, dass Homosexualität nicht von Gott sein kann, macht Gottes schöpferische Möglichkeiten kleiner (mehr dazu bei Barthel Seite 14ff.). Warum immer schwarz/weiß denken und nicht einmal den Gedanken zulassen, dass es neben dem “was der Norm” entspricht auch Sonderformen in Gottes Schöpfung existieren. Schließlich ist Homosexualität auch in über 1500 Tierarten nachgewiesen.

Ein Blick in die Heiligkeitsgesetzte des AT: 3. Mose 18,22 und 20,13

Und bei einem Mann sollst du nicht liegen, wie man bei einer Frau liegt: ein Gräuel ist das. (3. Mose 18,22)

Und wenn jemand bei einem Mann liegt, wie man bei einer Frau liegt, dann haben beide einen Gräuel verübt. Sie müssen getötet werdet, ihr Blut ist auf ihnen. (3. Mose 20,13)

Das Geschlechterverständnis der damaligen Zeit sah die Unterordnung der Frau unter den Mann vor. Der Mann galt als alleiniger Erzeuger von Kindern und die Frau hatte lediglich die Rolle diese auszutragen. Sex galt damals hauptsächlich der Fortpflanzung und so galt “die Verschwendung des »kostbaren Keimgutes« in manchen Kulturen, einschließlich des alten Israels als besonders verwerflich. Dieselbe Geschlechterhierarchie verbietet es, dass ein Mann sich als passiver Partner beim sexuellen Verkehr in die Rolle einer Frau begibt” (Barthelt Seite 3). Die Israeliten wohnten damals in Grossfamilien oder Sippen zusammen die elementar als Schutz- und Lebensraum dienten. Der Mann hatte das Sagen, besaß seine Frauen (ja Mehrzahl) und hatte sich entsprechend zu verhalten. “Zudem gilt der Verkehr mit einem Mann in einer patriarchalischen Kultur als Beschädigung seiner Würde: Ein Mann, der mit einem Mann schläft, verhält sich wie eine Frau.” (Barthelt, S.8)
Wir denken heute anders über Geschlechterrollen und Sexualität als zu der Zeit von Mose. Männer haben kein Besitzrecht an Frauen (Gott sei Dank), die Vielehe praktizieren wir heute auch nicht mehr. Wir essen Schalentiere, Schweinefleisch, tragen “Mischwolle” als Kleider, bekommen Zinsen auf unser Erspartes und wir steinigen unsere Kinder nicht mehr wenn sie uns entehren.

Ergo: Ja, im 3. Buch Mose wird klar gesagt: Sex unter Männern ist ein “Gräuel”. Aber man muss beachten in welche Kultur und zu welcher Zeit diese Aussage getroffen wurde. Vieles von dem was sonst noch im 3. Buch Mose steht ignorieren wir heute selbstverständlich. Jeder der diese Stelle aber betont und unreflektiert von sich gibt, muss sich auch den anderen Geboten stellen.
Hinzu kommt – und das ist wichtig: “Eng mit der Geschlechterhierarchie verbunden ist ein zweites Charakteristikum: Anders als wir unterscheiden weder die antiken noch die biblischen Texte zwischen sexueler Orientierung und sexuellem Verhalten. Anders gesagt: Sie kennen homosexuelle Akte, nicht aber die Vorstellung einer dauerhaften, angeborenen oder erworbenen homosexuellen Orientierung und Identität, also das, was wir »Homosexualität« nennen. (Barthelt S. 4)

Neues Testament: Römer 1,26 und folgende: 

Deswegen hat Gott sie [die Heiden] preisgegeben an unehrenhafte Leidenschaften: Ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen vertauscht; und in gleicher Weise haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau aufgegeben und sind in ihrer Begierde zueinander entbrannt; Männer haben mit Männern Schande verübt und den Lohn, den ihre Verirrung verdient, an sich selbst empfangen.

Auch bei dieser Stelle gilt es erst einmal hinzuschauen. Paulus ist ein rhetorisch sehr begabter Mann gewesen und zeigt hier einen ganzen Katalog von Dingen auf die er zum Thema Sünde zählte (und dazu gehören, wer den Kontext liest, auch Neid, Hass und viele andere Dinge). Auch diesen Text schreibt er an eine bestimmte Gruppe in einer bestimmten Stadt zu einer bestimmten Zeit. Auch hier ist wieder der Blick auf die kulturellen und sozialen Umstände von Nöten: “Paulus spricht von der Verdorbenheit der Heiden so, dass ihm ein frommer Jude aus vollem Herzen zustimmen kann: Ja, so geht es zu bei den Heiden (und auch bei Teilen der jüdischen Oberschicht). Dann aber dreht er (Paulus) den Spieß um: »Worin du den anderen richtest, verdammst du dich selbst« (Römer 2,1). (Barthel, S.11)

Wichtig ist auch Folgendes: “Man achte besonders auf das Wort »aufgeben« oder »verlassen« (griech. aphiemi; vgl. »vertauschen« V.26). Aufgeben kann man nur etwas, was man zuvor getan hat.” (Barthel. S.12) Paulus spricht hier also vermutlich von heterosexuellen Männern, die ihre “natürliche Orientierung” (und auch das, was als “natürlich” empfunden wird, hat sich in den letzten Jahrhunderten stark verändert) verlassen um zu ihrem Vergnügen homosexuelle Handlungen durchführen.

Und weiter: Ebenso wenig wie das Alte Testament macht Paulus einen Unterschied zwischen homosexueller Orientierung (die gegeben ist) und homosexuellem Verhalten (das man wählen kann). Was ihm vor Augen steht, sind vermutlich homosexuelle Ausschweifungen von Heterosexuellen, wie sie in Rom oder Korinth an der Tagesordnung waren. Von einem Zusammenleben von Homosexuellen in einer verantwortlichen Beziehung wussten Paulus und seine Zeitgenossen nichts. Es wäre töricht, sie dafür zu tadeln. Um so schwerer aber fällt es, aus den Aussagen des Paulus eine allgemeine Verurteilung von Homosexualität abzuleiten. (Barthel, S.12).

Andere Stellen wie 1. Korinther 6 u.a. – siehe Barthel Seite 10.

Fazit: 

Um dem Thema wirklich gerecht zu werden, braucht es mehr als diese 1900 Wörter. Ich hoffe aber ich konnte aufzeigen, dass man Bibelstellen nicht einfach zusammenhangslos verwenden kann, sondern diese immer nach ihrem Kontext hinterfragen muss. An vielen Stellen tun wir das bereits. Die meisten Kritiker von Homosexualität sind heutzutage absolut dafür, dass Frauen predigen dürfen und auch kein Kopftuch mehr tragen müssen. Hierbei wird also schon lang der Kontext in dem etwas steht, beachtet. Bei den angesprochenen Stellen seltsamerweise aber nicht.

Zum Schluss: 

Es gab einmal eine Frau, die wurde von einer Gruppe sehr frommer Männer zu Jesus gebracht, weil sie beim Ehebruch erwischt wurde. Diese frommen Männer hatten den Plan, Jesus “aufs Kreuz zu legen” – nachzulesen in Johannes 8. Es macht mich traurig in der Debatte um meine Sexualität immer wieder Bibelstellen von frommen Menschen an den Kopf geworfen zu bekommen. Den das haben auch die Pharisäer damals gern getan: Menschen verurteilt und über sie Gericht gehalten. Jesus hatte einen Satz für sie: “Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.” Geworfen hat keiner – warum wohl?
Wir haben nicht das Recht über Andere zu richten, selbst dann, wenn jemand der Meinung ist, dass Homosexualität Sünde ist gilt: das Recht zu richten, liegt bei Jesus allein. Selbst wenn also Homosexualität tatsächlich Sünde wäre (konjunktiv!), gerade dann ist und bleibt es eine Sache zwischen Jesus und mir. Ich bin überzeugt davon (egal ob Homosexualität nun Sünde wäre oder nicht), dass unser Herr barmherziger ist, als manch einer, der Gott besonders ernst nehmen will und dadurch in die Gefahr gerät (schneller als ihm lieb sein mag) zum “Pharisäer” zu werden..

Den letzten Blogeintrag schloss ich mit einem Zitat das ich im Nachhinein selbst als nicht ganz glücklich bezeichnen würde. Diesen Beitrag möchte ich mit einer Äußerung von Papst Franziskus schließen, das uns an das erinnern soll, was Kirche eigentlich ist: „Was die Kirche heute braucht, ist die Fähigkeit, die Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen.“ Und dann weiter: “Wir sollen so sein wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht” (nämlich ein Ort wo Wunden geheilt werden).

Literaturhinweise: