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335 mal Nein und so viele offenen Fragen…

Gesetz voller Kompromisse

Letzte Woche Freitag hat die Evang. Landeskirche in Württemberg das Gesetz zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare veröffentlicht und sorgt damit dafür, dass ab 2020 auch gleichgeschlechtliche Menschen in der württembergischen Landeskirche getraut gesegnet werden können.

Doch Stopp! So einfach ist es nun wirklich nicht. Ein kurzer Rückblick: jahrelang wurde darum gerungen, hat man gestritten, gab es Ideen & Gesetzentwürfe. Die letzten zwei Jahre hat sich dann die Synode – das gewählte „Parlament“ der württembergischen Landeskirche – damit beschäftigt. Ich berichtete von den Teils schwierigen Sitzungen und Aussprachen. Final dann im März diesen Jahres: Nun hat man sich geeinigt auf einen Kompromiss, der kein größerer sein könnte. Kann ich ab 2020 also einfach in mein lokales Pfarramt und sagen: „Ich würde gerne meinen Mann kirchlich heiraten.“? –  Ja, das könnte ich tun – bringt nur leider nichts. Denn dazu müssen bestimmte Dinge in der Gemeinde geklärt sein: Ist der Kirchengemeinderat vor Ort denn überhaupt dafür? Dazu braucht es nämlich pro Ort eine Dreiviertelmehrheit. Dann muss man das noch im Oberkirchenrat anmelden, einen eigenen Entwurf für den Gottesdienst überlegen und beschließen usw. Genaueres dazu findet ihr auf der Seite der Landeskirche.

Ach ja – am Anfang dürfen das „logischerweise“ nur 25% der Gemeinden in Württemberg tun. Werden es mehr, muss wieder die Synode ran.

Und dann gibt es da ja noch was: die Gewissensfreiheit von Pfarrern. Das oben beschriebene Hin und Her hilft alles nichts, wenn der Pfarrer in der Gemeinde dagegen ist. Dann gibt es keine Trauung Segnung. Weil man möchte auf gar keinen Fall irgendjemanden zwingen, die Liebe von Menschen zu segnen, wenn er das absolut nicht tragbar findet.

Man merkt: Ab 2020 ab ins Pfarramt und heiraten wollen – nette Idee. In der Praxis völliger Blödsinn. Das Gesetz wurde am Ende so beschnitten, damit auf jeden Fall alle Konservativen mit Murren irgendwie zustimmen konnten. Ein Gesetz für die konservativen Kräfte in Württemberg – obwohl die mit dem Ergebnis trotzdem nicht zufrieden sind. Auf jeden Fall ist es kein Gesetz für die, die es eigentlich betrifft. Das allein ist schon enttäuschend genug.

335 mal Nein!

Anfang Mai ging dann eine Meldung durch die Presse: „Über 300 Pfarrer sagen Nein zur Segnung gleichgeschlechtlicher Menschen – genau genommen waren es damals 335 – die aber sowas von dagegen sind, Menschen gleichen Geschlechts zu segnen. Und das dürfen diese Pfarrer ja auch. Steht ja im Gesetz. Man hat da sein Gewissen und will nicht segnen – dann ist das so.  Warum muss man also eine Pressemeldung veröffentlichen und mit einer Zahl um sich werfen? Ist doch eigentlich alles schon gesagt. Scheinbar nicht. 335 Menschen wollten nochmal deutlich sagen, wie dagegen Sie sind. Die Namen der 335 Unterzeichner dieser Liste wollte man aber nicht veröffentlichen. Man machte also Wind mit etwas, was man gar nicht veröffentlichen will – nämlich mit den Namen derer, die nun nochmal so deutlich dagegen sein wollten. Wie das im Internet so ist: die Liste von Unterzeichnern ist natürlich zu finden wenn man sie finden will. Ich hab mir diese Liste einmal angeschaut und hab anstatt der 335 Neins nur eines bekommen – viel mehr Fragen als Antworten. Einer der Unterzeichner dieser Liste ist mein Gemeindepfarrer. Das ist auch die einzige Person, die schon im Jahr 2017 und nun auch in 2019 bei dieser Liste öffentlich zitiert werden wollte. In der Zwischenzeit hat es der „Pressesprecher“ (zumindest verfasst er für diesen Kreis von Leuten die Pressemeldungen) auch aus der Deckung geschafft.

Als ich die Pressemitteilung gesehen hab und das Ding sogar in unserer lokalen Zeitung abgedruckt wurde (klar einer der Pfarrer vor Ort wird ja zitiert) dachte ich mir zuerst: „Lass Sie in Frieden – gut ist“. Dann aber wurde ich von älteren Menschen aus meiner Gemeinde angesprochen welche ihrem Unmut über den Bericht, über diese Unterschriftenaktion, kund tun wollten. Menschen deren Meinung ich dazu nicht kannte und Menschen die, trotz Ihres höheren Alters, wohl einen weiteren Blick auf das Thema haben als die 335 Unterzeichner einer anonymen Liste. Als mich dann auch noch meine Oma irritiert und verärgert über diese 335 Pfarrer angesprochen hat, war mir klar: „Okay, egal kann es dir nicht sein.“

Kurzes Update als Einschub: Die Unterschriftenaktion gab es bereits 2017 wo noch nicht klar war, dass Pfarrer ihrem Gewissen folgen dürfen. Hier gab es bereits 2017 einen Zeitungsbericht. So weit so verständlich – warum man aber 2019 (wo es die Regelung ja gibt) trotzdem noch nach Unterschriften jagt und großen Presserummel verursacht ist absolut fragwürdig… 

So viele Fragen…

Ich hab also nach der Liste gesucht, sie gefunden und mir angeschaut und dabei muss ich sagen: die Liste ist nicht nur geheim, sondern auch massiv merkwürdig. Hier einige Fragen die ich an meinen Gemeindepfarrer und denjenigen verschickt hab, der die Pressemitteilung geschrieben hat:

  • Was ist der offizielle Rahmen in dem sich die Unterschreibenden treffen? Seid ihr ein Verein? Eine Interessenvertretung? Gibt es einen Begriff unter dem man euch „fassen“ kann?
  • Nach Lesen einiger Artikel, die über euer Liste berichtet haben, ist mir leider immer noch unklar, was ist eigentlichen der Sinn und Zweck eurer Pressemeldung gewesen?
  • Warum haltet ihr es für sinnvoll über eine Liste mit 335 Unterzeichnern zu sprechen, wenn diese nicht öffentlich sichtbar zu finden ist. Aus Kreisen der Synode höre ich hier den größten Unmut heraus: Das Reden über etwas, das so der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung steht.
  • Thema Synodale: Laut Presseberichten liegen den Synodalen die Unterschriften der 335 Unterzeichner vor. Leider stimmt das so nicht. Mehreren Synodalen aus unterschiedlichen Gesprächskreisen liegt nur eine Liste mit 259 Unterschriften vor – nicht aber die Liste, über die die Presse berichtet hat. Warum ist das so? Wurde hier etwas versäumt? Was ist die Taktik und Idee der Interessenvertretung dahinter?
  • Nun könntet ihr als Interessenvertretung argumentieren, dass ihr mit der Geheimhaltung der Liste den „Frieden in der Kirche“ bewahren wollte. Faktisch ist euch mit dem Pressecoup aber eher das Gegenteil gelungen. Haben Kirchengemeindemitglieder nicht das Recht zu wissen, wie Ihr Pfarrer oder ihr ehemaliger Pfarrer oder vielleicht ihr zukünftiger Pfarrer zu diesem Thema steht. Wenn man schon „presselaut“ eine Liste dazu ankündigt?
  • Wie geht es euch als Interessenvertretung damit, dass auch rechte Netzwerke wie die „Junge Freiheit“ diese Liste feiern und über sie berichten. Wäre es in den aktuell politischen Zeiten nicht sinnvoller sich hier klar von Rechts abzugrenzen? Oder ist es genau das: Der Versuch sich bewusst auf das rechte Milieu einzulassen und mit dem Feuer zu spielen? Wenn letzteres Ja: wie ist das theologisch und geschichtlich zu verantworten?
  • Inhaltlich zur Liste: Warum sind nur knapp 15% der Unterzeichner (in der den Synodalen vorliegenden Liste) Frauen? Und warum knapp ein Viertel außer Dienst. Man könnte hier das Gefühl bekommen der (alte) (weiße) Mann hat ein Problem mit dem Thema Segnung gleichgeschlechtlicher Paare.
  • Ist, mit Blick auf die Liste, die Headline „335 Pfarrer sagen Nein…“ nicht irreführend, wenn die die Hälfte der Liste nicht mehr – oder nicht aktiv in den Dienst eingesetzt ist? Von wem kam die Headline? War die Teil eurer Pressemeldung? Wenn ja, warum die Ungenauigkeit – ist man hier nicht auch der Wahrheit verpflichtet?

So wenig Antworten!

Antworten hab ich auf diese – zugegeben zugespitzten – Fragen inhaltlich nicht erhalten. Mein Pfarrer hat mich auf die Pressemitteilung verwiesen mit dem Hinweis, dort die meisten Antworten zu finden (stimmt halt nicht). Der Pressemitteilungen schreibende Dekan hatte offensichtlich keine Lust auf meine Fragen und warf mir vor, nicht in den Dialog treten zu wollen.

Fazit: Irgendwann Ende April/Anfang Mai haben sich also X Menschen in Korntal getroffen um gegen etwas zu sein. Und das wollte man auch noch mal laut kundtun. Nach dem Motto „das wird man ja nochmal sagen dürfen“. Dieser Satz kommt in letzter Zeit in Debatten häufig auf. Meist aus Dunstkreisen der AfD.

Man wollte es aber nicht so laut kundtun, dass man seinen Namen auch ernsthaft nennt. Und man wollte etwas aus einem sehr unklaren Motiv kundtun. Denn das Gesetz sagt ja: Wenn der Pfarrer nicht will – muss er nicht. Wozu also nochmal „klare Kante“ zeigen, wenn man seinen Namen lieber nicht öffentlich sehen will?

Mein Tipp an die Unterzeichner: Habt die Eier in der Hose den Mut und veröffentlicht das nächste Mal euren Namen wirklich, wenn ihr schon so einen Rummel um etwas macht was auf dem Rücken einer Minderheit ausgetragen wird. Denn dann wird es diskriminierend (ja, nichts anderes ist das). Nennt eure Namen, zeigt euer Gesicht, denn dann wissen die, die das ganze Thema betrifft, wenigstens ehrlich woran sie mit euch sind. Eure Aktion ist nicht nur feige – sondern link. Und nach dem Gespräch mit zwei von euch bin ich mir sicher, dass ihr das auch wisst. Versteht mich nicht falsch: Gegen euer Gewissen hab ich nichts. Ich hab was gegen die Art eures Protestes. Mutloser als anonyme Listen irgendwem irgendwie nicht zu zeigen geht halt nun mal nicht!

Dabei geht es nur um Liebe…

Was ich in all den Jahren immer noch nicht verstanden habe, ist die Hartherzigkeit in dieser Debatte. Warum ist es wichtiger an einem Dogma festzuhalten als die ernst gemeinte Liebe von Menschen zu segnen? Warum ist es wichtiger, wie die Pharisäer damals, sich auf 7 Bibelstellen zu stützen die nun wirklich in Ihrer Auslegung umstritten sind. Warum ist es wichtiger, Minderheiten Menschen vor den Kopf zu stoßen, Ihnen die Teilhabe am Segen Gottes zu verwehren als sich zu überlegen wie Jesus die Situation gehandhabt hätte. Wie hat er sich denn zu all den super Frommen der damaligen Zeit verhalten? Er hat ihr Dogmendenken hinterfragt und Ihnen in Begegnungen mit Menschen aus Minderheiten gezeigt, was der eigentliche Auftrag ist. Choose Love! 

Im Mai durfte ich zum Thema LGBTIQ+-Menschen zwei Vorträge in der Jugendarbeit halten. Zwei Hoffnungsschimmer daraus für meine Kirche: 1.) Es gibt Menschen in der Jugendarbeit die haben verstanden: man muss sich dem Thema annehmen um seine Schranken im Kopf zu durchbrechen und 2.) viele dieser jungen Menschen denken nicht mehr so wie 333 anonyme Pfarrer/innen die lieber Dogma als Barmherzigkeit leben.