Gayrights Kirche

Bunt – nichts anderes ist die Welt!

Vor 50 Jahren kam es in New York zu einem Vorfall in einer Bar mit dem Namen „Stonewall“. Polizisten betraten die Kneipe, die bis zu diesem Zeitpunkt ein mehr oder weniger geheimer Treffpunkt von Homosexuellen und Transsexuellen Menschen war. Es kam in dieser Nacht zu einer Razzia – einer der unangenehmen Art. Denn zu diesem Zeitpunkt ging die Polizei in Amerika gegen Menschen aus dem queeren Spektrum (darunter fasst man Menschen, die Homo-, Bi-, Trans-, Inter-, Pan- und Asexuell sind) noch mit aller Härte und Gewalt vor. Wer nicht so genau ins Schema passte konnte schon mal verhaftet werden.

In diesem Juni im Jahr 1969 war es der queeren Szene aber zu viel und es entstanden die ersten (gewalttätigen) Aufstände gegen Unterdrückung, Willkür und Bloßstellung – nur weil man eben nicht Heterosexuell war. Es war die Geburtsstunde des Widerstands. Das Stonewall markiert einen Wendepunkt in der Geschichte von queeren Menschen. Dadurch entstand eine Bürgerbewegung, die zur „Pride“ führte. In Deutschland kennen wir das Ganze eher unter dem Begriff Christopher Street Day. Für queere Menschen in Amerika ist der Juni seitdem der Pride-Month. Der Monat in dem man für seine Rechte und gegen Diskriminierung auf die Straße geht.

Meine Geschichte

Diesen Monat bin ich 35 geworden. Spannend was in meinen Leben bisher passiert ist.  Seit grob 20 Jahren kann ich mir eingestehen, dass ich schwul bin. Seit 10 Jahren kann ich damit freier und offener Umgehen. Nach meinem Studium waren für mich theologische Fragen zu dem Thema geklärt und ich hab mich tatsächlich zum ersten Mal offener getraut zu sagen, dass ich ein Teil der queeren Community bin.

Seit 5 Jahren bin ich öffentlich geoutet. 2014 kochte eine Debatte im Netz und auf Stuttgarts Straßen und ich konnte meinen Mund nichtlänger halten und schrieb einen Blogbeitrag. Seitdem gibt es kein Versteckspiel mehr. Ich stehe zu mir und dem was ich bin. Ein langer Weg.

Im Mai war ich in zwei Formaten der Jugendarbeit eingeladen, um über das Thema „Queersein“ ganz Allgemein und natürlich auch an meiner Lebensgeschichte entlang zu sprechen. Es waren spannende Abende mit tollen jungen (und auch etwas älteren) Menschen mit vielen offenen Fragen und gutem Feedback. Bei einem dieser Formate wurde mir die Frage gestellt, was mir in 2014 den Mut gab mich öffentlich zu diesem Thema zu äußern. Das ist eine spannende Frage. Denn wenn ich darüber nachdenke war es nicht Mut, sondern Wut die mich damals dazu gebracht hatte mich zu äußern. Ich hatte so viel Bullshit von damaligen Kollegen auf Facebook gelesen, dass mir einfach die Hutschnur hoch ist. Ich wollte diesem platt und populistischem schwarz-weiß Denken eine deutliche andere Botschaft dazu geben: Meine Geschichte.

Das Problem

Platten und populistischen Blödsinn zu queeren Menschen gibt es heute immer noch genug. Von der Evangelischen Allianz Deutschland zum Beispiel. Einem „Verein für die ganz Frommen“. Die, die gerne theologisch tief denken, aber politisch einfach und platte Antworten geben und auch gerne mal rechts kuscheln. Dazu hier ein spannendes Radiofeature der ARD. Dort zu hören:  Hartmut Steeb. Der war bis zu dieser Woche Generalsekretär der EAD und hat in den letzten Jahren so manchen Mist zu queeren Themen von sich gegeben.

Aber natürlich machen das auch genug Menschen in meiner Landeskirche. Hörte man sich Beiträge rund um das Thema Segnung gleichgeschlechtlicher Menschen von gewählten Synodalen der Lebendigen Gemeinde an, dann kann einem an manchen Stellen der Kopf platzen. Da wurde Zeug gesagt das klar macht: Ihr habt euch NIE mit queeren Menschen ihren Ängsten, Realitäten und Wünschen auseinander gesetzt.

Und das ist auch kompliziert. Das gebe ich ja zu. Nachdem ich mir nun sicher bin wer ich bin, dass ich gut bin, so wie ich bin und auch was das ganze theologisch für mich heißt, hab ich im letzten Jahr mal den Fokus auf andere Bereiche der LGBTIQ+ Bewegung gelernt. Oh boy hab ich viel im letzten Jahr gelernt. Ob von Ru Paul, der all seinen Kandidaten am Ende jeder seiner Sendungen klar macht: „If you can not love yourself – how the hell do you gonna love somebody else“ – oder von transsexuellen Jugendlichen, die so viel durchmachen um in dem Geschlecht anzukommen dem sie sich zugehörig fühlen. Es stecken immer Menschen und Geschichten dahinter. Immer sind Ängste im Raum. Immer geht es um menschliche Existenzen. Immer in einer Tiefe die beim reinen Zuhören schon klar macht: Es gibt keine einfachen Antworten. Es gibt keine „Gender-Agenda“. Es gibt keine Schwarz-weißen Antworten.

Die Welt ist Bunt. Ihre Menschen sind es. Die Antworten sind es.

Auch aus diesem Grund ist die Regenbogen-Fahne das Symbol der Bewegung. Seit Stonewall damals in 1969. Der Regenbogen ist DAS Symbol. Und ich bin stolz es zu tragen. Als Armband. Oder auch mal als T-Shirt. Aber auch mit einem kleinen Pin der in Zukunft bei bestimmten Terminen an mir stecken wird und zeigen soll: Es gibt uns. Wir haben eine Stimme. Und wir sind viele. Wir sind laut. Und da das meine Kirche in ihrem höchsten gewählten Amt der Synode so noch nicht erlebt hat: Ich kandidiere für die Wahl im Dezember. Und queere Menschen zu vertreten will ich zu einem Teil meiner Aufgabe machen. Damit nicht ahnungslos über Menschen gesprochen wird.

Was mich antreibt? Wieder die Wut. Nicht unkontrollierte Wut. Aber die Art von Wut, die nicht akzeptieren kann, wie andere Christen über uns sprechen. Und mag es nur aus Ahnungslosigkeit sein. Wut hat damals die Menschen aus dem Stonewall auf die Straße gebracht. Wut hat mich vor 5 Jahren zum öffentlichen Outing gebracht. Damals endete ich meinen Blogbeitrag mit diesem Zitat: “Homophobe sollen wissen, sie haben jetzt einen Gegner mehr!” Thomas Hitzlsperger.
Damals rieten mir einige diese „Kampfansage“ doch wegzulassen. Heute bin ich froh, dass ich sie drinnen hab stehen lassen, denn sie stimmt heute mehr denn je.

Je älter ich werde umso weniger Zeit/Lust/Verständnis hab ich für platte christliche Phrasen, sieben gern zitierte Bibelstellen oder offene Diskrimierungen – ob absichtlich oder nicht. Das heißt nicht: Ich hab keine Geduld und lasse mich nicht mehr auf Gespräche ein. Es heißt aber auch: Ich werde lauter werden. Offener solche Dinge ansprechen und zeigen, dass Bunt die Realität ist. Wenn ich gewählt werde in der Synode – aber auch in meiner eigenen Kirchengemeinde. Denn: „Being Yourself Is a Superpower!“