Allgemein Gayrights Tiefgang Von Trollen und anderen Abarten!

Ich bin schwul…

…aber eigentlich geht euch diese Tatsache überhaupt nichts an. Und trotzdem habe ich mich heute dazu entschlossen, euch dazu ein paar Fakten mitzuteilen. Warum? Weil ich mich in den letzten Tagen öfters schockiert gefragt habe: “In welchem Land leben wir eigentlich?!” Es outet sich ein Fußballspieler und als nichtkirchlicher Mensch konnte man für einen Tag das Gefühl bekommen: endlich ist die letzte Bastion gefallen. Wenn man aber in diesen Tagen in christlichen Kreisen auf Facebook unterwegs ist, wird man feststellen: der Fußball ist nicht die letzte Bastion der Diskriminierung homosexuell empfindender Menschen…

Was ich an unreflektierten, anfeindenden und unwahren Kommentaren über das Thema Homosexualität gelesen habe, sind der Grund für diesen etwas längeren Blogpost. Ich will mal erzählen, wie das ist, im kirchlichen Dienst zu stehen und gleichzeitig schwul zu sein. Es hat nämlich traurigerweise einige Parallelen zu dem was Thomas Hitzlsperger so erlebt. Ich schreibe diesen Blogpost nicht, um mich rechtzufertigen, weil es gerade “in“ ist sich zu outen – sondern weil ich in vielen Gesprächen festgestellt habe: viele Menschen haben ein Medienbild von Homosexualtiät, aber eigentlich noch nie direkt von jemandem gehört, wie das so sein kann… (nicht ist – subjektives erleben: sein kann) Dieser Text hat leider kein kurzes Fazit – wer also keine Zeit hat, sollte nicht anfangen zu lesen. Der Text wird länger. Seit 1,5 Jahren denke ich daran herum ihn zu schreiben und zu veröffentlichen. Jetzt ist wohl der richtige Zeitpunkt…

Wie konnte DAS denn passieren?

Gute Frage – wirkliche eine Antwort habe ich darauf nicht. Ich habe mit 14 bereits gewusst, dass ich schwul bin. Eine sehr schwere Erkenntnis für einen pubertierenden Außenseiter. Bravo-Lesern wurde aber immer gesagt: das kann auch eine Phase sein. Also hab ich es darauf geschoben und gehofft, dass ich schon noch “normal” werde. In meiner Familie ist sonst niemand homosexuell – die genetische Debatte können wir in meinem Fall vermutlich außer Acht lassen. Selbst ausgesucht hab ich mir meine Sexualität nicht – wer ist so doof und wählt bewusst das komplizierte Lebensmodell? Dieser Satz ist wichtig, da viele Menschen zu glauben scheinen: “die Homos sind ja selbst schuld. Sollen sich halt nicht dafür entscheiden, schwul zu sein…” Zu kurz gedacht! Egal wie es dazu kam, dass ich schwul geworden bin – meine Entscheidung war es nicht! Mein Wunsch war es auch nicht. Und ich bin so erwachsen meinen Eltern dafür nicht die Schuld in die Schuhe zu schieben. Man kann Kinder nicht bewusst zur Homosexualität erziehen (übrigens auch nicht in der Schule…)

Leben mit der Erkenntnis: “Du bist so nicht gewollt”

Mit 16/17 war mir klar: die Bravo hat unrecht. Es ist nicht nur eine Phase. Die Beziehung zu meiner damaligen Freundin ging gerade in die Brüche und ich musste mir eingestehen: dieses Mädel hat dich nie interessiert. Diese Beziehung war ein Alibi, weil alle anderen auch eine Freundin hatten. Im christlichen Kontext aufzuwachsen, hieß für mich damals: Schwul sein und an Gott zu glauben scheint irgendwie nicht zu gehen. Auf verschiedenen Freizeiten eines sehr konservativen christlichen Vereins wurde mir das damals klar gemacht: “Wenn du schwul bist, dann wirst du nie eine Beziehung haben können, denn die praktische Ausübung deiner Sexualität ist SÜNDE.” Das macht was mit einem. Vor allem, wenn der eigene Teeniekreisleiter einen auf einmal sprechen möchte und einem rät, man solle sich doch heilen lassen. Im Rückblick hat er es gut gemeint und ich weiß heute: er wusste zu wenig über das Thema. Er hatte sein Bild aus den Medien und aus den frommen Kreisen. Als 17-Jähriger aber zu hören: “So wie du bist, bist du nicht recht. Lass dich heilen” führte damals dazu, dass ich massive suizidale Gedanken mit mir herumgetragen habe. Ich wollte nicht mehr leben. Mein Umfeld hat mir klar gemacht: du bist etwas, dass es so eigentlich nicht geben darf. Ich wusste an welcher Stelle ich mich vor den Zug werfen würde. Was jetzt klingt wie ein einfach hingeschriebener Satz, ist die tiefe und bittere Wahrheit, die ausgesprochen werden muss. Denn ich glaube viele Menschen wissen nicht, was sie in anderen anrichten, indem sie über dieses Thema unreflektiert Dinge von sich geben! Hätte ich damals meinen heutigen besten Freund nicht getroffen, die bittere Wahrheit: es würde mich heute nicht mehr geben!

Ein Leben in Angst und Lügen:

Bis ich 28 Jahre alt war (also 14 Jahre lang) lebte ich von nun an in der dauernden Angst, es könnte irgendjemand merken, sehen oder von den wenigen Leuten, denen ich es im strengsten Vertrauen und mit großer Überwindung erzählt habe, erfahren. Diese Angst hatte ihre Grundlage darin, dass ich in einem konservativ-pietistischen Umfeld groß wurde. Und ich wusste, dieses Umfeld hat ein Problem mit dem was ich bin. Jedes Coming Out hat mich tierische Überwindung gekostet und ich war nach so einem Outing eigentlich den restlichen Tag nicht mehr zu gebrauchen. Man wird zum Taktiker, muss überlegen wer weiß es. Wem kann man es erzählen ohne das er/sie es weitererzählt. Wenn dann plötzlich dein Teeniekreisleiter auf dich zukommt, weißt du: dein Netzwerk aus Mitwissern hat irgendwo ein Loch. Panik macht sich breit. Auf jede Frage: “Na warum hast du eigentlich keine Freundin” erfindet man eine plausible Ausrede. Über jeden doofen Homowitz lacht man mit, aus der Angst heraus man könnte sich sonst verraten.
Und irgendwann ist das eigene Selbstbewusstsein so tief am Boden, dass man sich nichts mehr traut. Der Druck dieser Angst und Lügen hat mich Nächte meines Lebens gekostet, mir Tage und Wochen meines Lebens ruiniert. Und warum? Weil ich Angst hatte vor solchen Aussagen, wie sie unter dieser Petition stehen… Traurig, liebe Gesellschaft.

Ausgrenzungen: 

Von den wenigen Menschen bei denen ich mich geoutet hab, bin ich von noch wenigeren wirklich ausgegrenzt worden. Das liegt aber daran, dass ich nie einfach nur gesagt habe: “Ich bin schwul…” sondern immer einen Teil meiner Geschichte dazu erzählt habe. Und auf einmal konnten die Menschen, denen ich es erzählt hab, nicht mehr schwarz/weiß denken. Ganz konkret war es aber nachher eine christliche Organisation mit drei Buchstaben (Update: nicht das EJW!), in der ich Ausgrenzung erleben musste. Jahrelang hab ich dort mitgearbeitet. Am Schluss war ihnen das Risiko zu groß (welches Risiko auch immer) und ich durfte von heute auf morgen keine Freizeiten mehr mit gestallten, nicht mehr mitarbeiten.  Eine Gemeinschaft, die für mich über Jahre zu etwas wie Heimat wurde, sagte auf einmal: Ne Floh sorry. Christliches Verhalten? In 100 Jahren nicht! Traurig, liebe XXX!

Bibelschule: 

Und dann bin ich nach Unterweissach auf die Bibelschule. Das hatte nichts mit einer masochistischen Ader zu tun, sich dann auch noch eine theologische Ausbildung aufzubürden. Mancher Nichtchrist denkt vermutlich die ganze Zeit schon: “Alter, warum hast du nicht einfach dein Umfeld gewechselt und diesen unnützen Glauben abgelegt? Wäre doch viel einfacher für dich!” Jopp – war aber nie eine Option für mich. Also 4 Jahre aushalten unter einer christlichen Käseglocke, die sich dem Thema Homosexualtiät (wie die Kirchen übrigens auch) bis heute nicht ordentlich gestellt hat. Am Ende von vier Jahren wussten es dort 2 Dozenten, 2 Kommilitonen und die Psychologin zu der ich ging, weil ich den Druck des Themas nicht mehr ausgehalten habe… Die klare Ansage meines Direktors in Unterweissach nach meinen Outing ihm gegenüber: “90% deiner zukünftigen Arbeitgeber haben ein Problem mit dir, wenn du dich öffentlich outest.” Und da ist was Wahres dran. Viele Mitchristen die ich kenne, die schwul sind, aber sich nicht trauen es zu sagen, die in diesen Spiralen konservativen Denkens anderer gefangen sind, haben vor allem vor einem Angst: Wenn du dich outest, dann steht nur noch dieses eine Adjektiv vor dir: der ist schwul! Dabei bin ich 1000 andere Dinge auch! Diese scheinen dann aber nicht mehr zu zählen. Traurig, liebe Gesellschaft!  

Warum nicht einfach heilen lassen?

Ganz einfach gesagt: Weil Homosexualität keine Krankheit ist. Traurig, dass man das noch sagen muss. Faktisch hat die WHO 1992 erkannt, dass sie mit ihrer Einstufung als Krankheit ziemlich weit daneben lag. Nun habe ich mich aber in meiner Verzweiflung in den Anfängen meiner 20er intensiv mit diesem Thema befasst. Die kurze Version (das Thema würde für einen eigenen Beitrag reichen): Jeder Mensch befindet sich mit seiner Sexualität auf einer Skala von “voll hetero” bis “voll homo”. Die meisten Menschen liegen jeweils bei 95% ihres jeweiligen Pols. Es gibt aber natürlich auch Menschen die liegen irgendwo in der Mitte. Der Heilungsansatz greift bei diesen Menschen an. Konkret geht es um eine Verstärkung der heterosexuellen Fantasien und eine Konditionierung auf das andere Geschlecht. Von den pawlowschen Hunden wissen wir, wie das Ganze funktioniert. Ich komme aber für dieses Modell nicht in Frage und kann diesen Ansatz auch nicht gutheißen. Menschen also unbedacht zu diesem Schritt zu raten ist gefährlich. Traurig, wer weiterhin denkt, dass man seine Sexualität heilen lassen kann wie ein gebrochenes Bein.  

Heute: 

Zwischen dem Abschluss meiner theologischen Ausbildung und heute ist viel passiert. Ich habe mich intensiv theologisch mit dem Thema Homosexualität befasst und kann sagen: Meine Sexualität, ja sogar eine Beziehung, kann ich heute ohne Probleme mit meinem Glauben in Einklang bringen. Ich erwarte von keinem anderen, dass er meinen theologischen Standpunkt zu seinem macht. Ich erwarte heute aber, dass Menschen mich trotzdem stehen lassen können. Leider erlebe ich in der Kirche gerade in diesem Punkt eine unglaubliche Verhärtung. Kirche und Staat sind noch weit davon entfernt die Menschenrechte auch für Homosexuelle gelten zu lassen. Einen Behinderten würde man in einer Kirche nie ausgrenzen. Ausländer sind auch kein Problem (außer man arbeitet in der CSU) – aber bei Schwulen und Lesben hört die Nächstenliebe scheinbar auf. Traurig, liebe Kirche

Résumé: 

Viele Details gäbe es noch zu erzählen: den Druck, den meine Eltern zum Beispiel spüren, weil auch sie Angst davor haben, wie andere reagieren. Oder die Tatsache, dass ich Angst vor Mobbing im beruflichen Umfeld habe…

Ich hoffe dieser Text konnte Einblicke geben. Nicht nur der Fußball ist ein Bereich, in dem sich noch viel tun muss. Vor allem in unseren Kirchen müssen wir noch lernen, das Homosexuelle furchtbare Angst haben sich zu outen. Ich hoffe dieser Text konnte zeigen, was unreflektierte Aussagen bei Betroffenen anrichten können. Ich hoffe, dieser Text kann Aha-Erlebenisse auslösen. Ich hoffe, der Text kann anderen Mut machen sich auch aus solchen Zwängen zu lösen.

“Homophobe sollen wissen, sie haben jetzt einen Gegner mehr!” Thomas Hitzlsperger

Update: Theologische Gedanken zum Thema von Prof. Dr. Siegfried Zimmer